Zufahrt zum Gästehaus.

Viele ehemalige Schüler der Region um Genthin kennen das Gästehaus Kiefernblick noch aus ihren Kindertagen als Touristenstation. Fast jede Schulklasse war mindestens einmal hier, um in der Gemeinschaft erlebnisreiche Tage zu verbringen.

Wenn man von Genthin über die Landstraße in Richtung Ferchland fährt, biegt man direkt am Ortseingang rechts in einen Waldweg ein. Nach etwa 250 Metern durch den Wald gelangt man auf ein großes Grundstück mit zwei Gebäuden.

Sommersitz und Hühnerfarm

Um die Jahrhundertwende (1900) baute sich der Dessauer Fabrikant von Habenicht hier ein Haus, um den Sommer mit seiner Familie in herrlicher Natur erleben zu können. Alteingesessene Ferchländer wissen von einem dazugehörenden Tennisplatz und sogar von einem Automobil, das damals noch die allerwenigsten gesehen – geschweige denn besessen haben. Ferchlands Einwohner bekamen so ein Automobil erstmals in ihrem Leben zu sehen, als die Familie von Habenicht – von Dessau kommend – zu ihrem Sommersitz fuhr.

Um 1912 kaufte der Landwirt Linzen das Grundstück und errichtete eine Hühnerfarm. Einige Jahre später gab er sie jedoch wieder auf. 1946 wurde seinem Sohn hier eine Neubauernstelle übertragen. Als er jedoch 1953 aus der damaligen DDR flüchtete, übernahm der Kreis das Grundstück und errichtete die Touristenstation Ferchland. Sie bestand vorerst nur aus einem großen Aufenthaltsraum und einer Küche. Das Inventar kam anfänglich aus Haushaltsauflösungen.

Für Verpflegung sorgten die Gäste selbst.
Für Verpflegung sorgten die Gäste selbst.

Der erste Stationsleiter war ein Herr Schnitter, der die Räume in der oberen Etage bewohnte. In den Anfangsjahren wurden nur Tagesaufenthalte organisiert, die die Kinder selbst gestalteten und bei denen sie sich selbst verpflegten. Wenig später erhielt die Touristenstation ihre ersten Zelte, die nun auch Übernachtungen ermöglichten.

Das erste feste Gebäude mit zwei Schlafräumen – rechts vom Hauptgebäude – wurde 1955 erbaut. Im Anbau befanden sich zwei Waschräume, die aber nur Schüsseln als Waschgelegenheit anboten. Die Zelte wurden weiterhin genutzt. Zu dieser Zeit – 1960 bis 1967 – war der Jerichower Unterstufenlehrer und Pionierleiter Heinz Voigt Leiter der Einrichtung. Damaliger Träger war der Altkreis Genthin, Abteilung Volksbildung. Ziel der Station war es, auf den Lehrplänen der Polytechnischen Oberschule aufzubauen.

Im Laufe der Jahre veränderte und verbesserte sich die gesamte Situation der Touristenstation, die nunmehr auch in anderen Gegenden allmählich einen gewissen Bekanntheitsgrad genoss. Es gab die ersten Programme für Gruppenaufenthalte und die Küche hielt Mittagessen für die Kinder bereit. So musste nur noch für Frühstück und Abendessen selbst gesorgt werden.

Es geht aufwärts

Freizeit in der Touristenstation Ferchland
Freizeit in der Touristenstation Ferchland.

Die Wohn- und damit Lebensbedingungen für die Leiter wurden 1964 durch das Aufstocken des Hauptgebäudes verbessert.

1967 begann Karl-Heinz Bach seine Tätigkeit als Leiter der Station. Die Nachfrage nahm ständig zu, was eine weitere Einstellung von Arbeitskräften notwendig machte. Ein weiterer pädagogischer Mitarbeiter und eine Köchin, die gleichzeitig Reinigungskraft war, wurden eingestellt.

Das Haus entwickelte sich zunehmend als Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche der Klassen eins bis zehn. In den Ferien wurden Ferien- und Spezialistenlager für Junge Brandschutzhelfer, Ornithologen, Judoka, Schiffs- und Flugmodellbauer sowie im Bereich Zeichnen und Malen angeboten. Wöchentlich fanden Treffen der Arbeitsgemeinschaften Junger Touristen statt, und es wurden touristisch-sportliche Wettkämpfe ausgetragen. In den Sommerferien wurden gemeinsam mit den Landkreisen Burg und Stendal Radwanderrouten getestet.

Allen vierten Klassen der Schulen des Kreises Genthin wurde ein Tag in der Woche in der Touristenstation ermöglicht: Vormittags gab es vier Stunden Unterricht in Deutsch und Mathe und am Nachmittag standen aktive Erholung und das abenteuerlich-romantische Erlebnis im Vordergrund. Auf der Beliebtheitsskala ganz oben waren bei den Kids die obligatorischen Nachtwanderungen, das Anlegen von Feuerstellen und die eigene Zubereitung des Mittagessens.

Mit zunehmendem Aufgabenpensum wurde die Zahl der Mitarbeiter bis auf insgesamt sieben aufgestockt. Neben dem Stationsleiter gab es Mitte der 1990er-Jahre zwei Köche, einen pädagogischen Mitarbeiter, einen Hausmeister, eine Reinigungskraft und eine Sachbearbeiterin.

Freizeit und Ferien auf dem Gelände der Touristenstation.
Sport und Spiel auf dem Gelände der Touristenstation.

Von 1994 bis 2019 übernahm die Ferchländerin Verena Dombrowski die Leitung des Hauses. Auch unter ihrer Führung war es das Hauptziel, Kindern bei Ferienfreizeiten, Kita- oder Schulklassen-Aufenthalten, Trainingslagern oder sonstigen Unternehmungen Abenteuerlust und Lebensfreude in der Gemeinschaft zu vermitteln und mit sportlicher Betätigung sowie Spiel und Spaß einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu lehren.

Das weitläufig eingefriedete Areal (10.000 Quadratmeter) der Touristenstation bot den Kindern die Möglichkeit, sich kreativ mit Naturmaterialien zu beschäftigen oder auf dem Spielplatz an den verschiedensten Spielgeräten auszutoben.

Übernahme durch die QSG Genthin

Abriss und Neubau des Bettenhauses.
Abriss und Neubau des Bettenhauses 1998. Fotos: Archiv

Am 1. Dezember 1997 übernahm die Qualifizierungs- und Strukturförderungsgesellschaft mbH Genthin (QSG) die Trägerschaft der Touristenstation Ferchland. In den folgenden zwei Jahren wurde das Haupthaus komplett saniert und ein größeres Bettenhaus gebaut.

Mit der Übergabe des Bettenhauses am 1. Juli 1999 wurde der Touristenstation mit dem Zusatz „Haus Kiefernblick“ ein zusätzlicher Name verliehen. Diese Namenserweiterung war notwendig, da häufig Gäste aus den alten Bundesländern die Bedeutung der hiesigen Touristenstation mit einer Touristinformation verwechselten.

Familien, Radtouristen, Kinder und Jugendliche verbrachten hier Freizeit und Urlaube. Besonders beliebt waren Rad- und Fußwanderungen, Kremserfahrten in den Elbauen und Schiffsfahrten auf der Elbe. Der Umgang mit Karte und Kompass wurde ebenso erlernt wie der Aufbau eines Hirtenfeuers. Fußball, Volleyball und verschiedene Staffelspiele förderten die Gemeinschaft.

Das neue Bettenhaus wurde am 17. September 1999 eingeweiht. Die feierliche Rede hielt der damalige QSG-Geschäftsführer Pfarrer Willi Kraning. Es gratulierten Vertreter von Gemeinde, Landkreis, Verwaltungsgemeinschaft sowie Unternehmen der Region.

Seitdem hat das Gästehaus Kiefernblick eine Kapazität von 50 Betten, verteilt auf zwei Etagen in Ferienwohnungen, 2- und Mehrbettzimmern. Großen Zuspruch fand damals schon der Wintergarten des Hauses bei Familienfeiern, Firmenjubiläen und anderen Anlässen. Bei gastronomischer Versorgung konnten die Gäste eine stressfreie Feier genießen und anschließend die Übernachtungsmöglichkeiten nutzen.

Flüchtlingshilfe

Vor einer neuen Herausforderung stand das Haus im Frühjahr 2022 mit Beginn des Ukraine-Krieges. Anfang März wurde die Touristenstation kurzerhand für einige Monate zur Erstaufnahmestelle für Kriegsflüchtlinge im Jerichower Land. Die Kapazitäten reichten schnell nicht mehr aus, so dass sogar in der alten Villa Feldbetten aufgestellt werden mussten.

Bis zum Sommer zeigte die gesamte Region ihre Hilfsbereitschaft und unterstützte bei der Unterbringung der Menschen. So konnte man im August im Haus Kiefernblick zur Normalität zurückkehren und wieder für Feriengäste aus dem In- und Ausland öffnen.

Aktuell wird das Haus step by step renoviert und saniert.

Quelle: Familienwissen, Bilderordner Heimatverein, Karl-Heinz Bach, Verena Dombrowski, Horst Wedau